Interessenvereinigung zur Aufklärung und Vernetzung gegen rituellen Missbrauch und organisierte Gewalt 

CARA – Care About Ritual Abuse

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Erstaunt, aufs Tiefste betroffen und wütend

Aktualisiert: 23. Juni

In den letzten Wochen und Monaten wurde in der Schweiz viel publiziert zum Thema rituelle Gewalt. Vom Schweizer Radio und Fernsehen über die NZZ bis hin zu weiteren Tageszeitungen thematisieren plötzlich viele Medien dieses schwere und komplexe Thema. Als Überlebende von ritueller Gewalt bin ich erstaunt, wie Menschen, die nichts damit zu tun haben, plötzlich darüber urteilen, ob es solche Dinge „in der schönen Schweiz“ gibt und wie sie zum Schluss kommen, dass Menschen wie ich sich das alles nur einbilden oder es uns gar von Therapeuten eingeredet wird.



In meinem Fall ist es so, dass meine Erinnerungen lange bevor ich jemals mit einem Therapeuten geredet habe hochkamen. Ich habe schon als Kind manche Rituale unbewusst immer wieder nachgespielt. Als ich dann später meine eigenen Kinder bekommen habe, kamen immer mehr konkrete Erinnerungen wieder zum Vorschein. Am Anfang habe ich gedacht, dass ich spinne. Dass sowas gar nicht sein kann. Aber mit der Zeit wurde immer klarer, dass ich in meiner Kindheit schlimme Dinge erlebt habe. Es ist nicht möglich, dass mir Therapeuten etwas eingeredet haben, denn die Erinnerungen waren schon Jahre vor meiner ersten Therapiestunde da. Auch habe ich eine andere Überlebende kennengelernt, welche im genau gleichen Umfeld dieselben Dinge erlebt hat. Wir haben unabhängig voneinander sehr ähnliche spezifische Erinnerungen an Orte und Täter. Das kann kein Zufall sein! Da wurde nichts eingeredet.


Es ist spannend, dass die Macher von rec beim Schweizer Fernsehen sowie andere Journalisten, „Fachpersonen“, „Sektenexperten“ etc. uns mit QAnon oder ähnlichen Verschwörern zusammen in einen Topf werfen. Und es macht mich wütend. Rituelle Gewalt ist keine Verschwörungstheorie, keine „Satanic Panic“. Ich habe es selber erlebt! Es ist real. Auch in der schönen Schweiz! Ich bilde mir nicht ein, dass ich in meiner Kindheit aufs schwerste in einem organisierten rituellen Kontext missbraucht wurde. Es war so!


Man kann das Ganze natürlich auch umdrehen: Dass die befragten Menschen aus Therapie, Polizei, Politik etc. alle unter einer Decke stecken sollen, um diese „Verschwörungstheorie“ zu verbreiten, ist absurd. Wie soll das bitteschön funktionieren? Bilden die sich das alle ein? Ich finde es unglaublich, wie ein paar Journalisten über solch ein komplexes Thema urteilen und Menschen verurteilen dürfen. Da werden als Konsequenz dieser Interviews Existenzen kaputt gemacht, Leute entlassen, ja es findet eine regelrechte Hetze statt. Dies macht mich aufs Tiefste betroffen.


Es wird in den Schweizer Medien immer wieder gesagt, dass es keine richtige Definition gebe, was rituelle Gewalt überhaupt sei. Dazu zitiere ich gerne die Definition von der Seite der unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs im deutschen Bundestag:


„Als organisierte sexualisierte Gewalt bezeichnet man die systematische Anwendung schwerer sexualisierter Gewalt in Verbindung mit körperlicher und psychischer Gewalt durch mehrere Täter und/oder Täterinnen oder Täternetzwerke. Häufig ist sie mit kommerzieller sexueller Ausbeutung, wie zum Beispiel Zwangsprostitution oder der Herstellung von Missbrauchsdarstellungen verbunden. Dient eine Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung von Gewalt, bezeichnet man dies als rituelle Gewalt. Eine solche Ideologie kann religiös sein und beispielsweise im Kontext von Sekten und Kulten vorkommen oder sich aus einer politischen Überzeugung, zum Beispiel in rassistischen oder faschistischen Gruppierungen, ableiten.“

Quelle: https://beauftragte-missbrauch.de/themen/definition/organisierte-sexualisierte-und-rituelle-gewalt

In Deutschland wird die Existenz von ritueller Gewalt nicht angezweifelt. Warum tun wir es dann in der Schweiz?


Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich abschliessend Folgendes sagen: Ich habe organisierte rituelle Gewalt in meiner Kindheit in der Schweiz erlebt. Ich habe sie überlebt. Diese schlimmen Erfahrungen haben mich zutiefst geprägt. Mein Leben ist jeden Tag ein Kampf, eine Herausforderung. Aber ich schaffe es! Ich bin stärker als die Täter die mein Leben kaputt machen wollten! Meine Therapeuten haben mir nichts eingeredet. Die Erinnerungen waren schon lange vor meiner Therapie da. Im Gegenteil ich bin meinen Therapeuten dankbar für ihre kompetente Hilfe auf meinem langen Weg der Aufarbeitung.

Dass jetzt von offizieller Stelle behauptet wird, das was ich erlebt habe gebe es gar nicht, dass ich mir alles nur einbilden würde, dass ich gar eine Verschwörungstheorie verbreite, empfinde ich als Hohn, ja als Schlag ins Gesicht. Es macht mich wütend. Es grenzt mich und alle Überlebenden aufs Extremste aus. Es macht mir auch Angst. Wer glaubt mir denn überhaupt noch? Die sehr einseitige Berichterstattung in den Schweizer Medien macht mich sprachlos. Ich wurde als Kind aufs schwerste rituell missbraucht. Und jetzt wird mir nicht einmal geglaubt? Das ist das Schlimmste was einem missbrauchten Menschen widerfahren kann. Ich wünsche mir, dass die Schweiz nicht mehr die Augen verschliesst davor, dass rituelle Gewalt auch bei uns existiert und dass wir Überlebenden nicht auf derart massive Art und Weise ausgegrenzt werden.


Andrea (Pseudonym)